Lügen über Männer
Irgendwas ist faul an der Geschichte über den ostdeutschen Mann – vielleicht ist, wer wie über den Ostmann redet, Teil des Problems.
„Von wo ich komm, längst Geschichte.
Meine Adresse gehängte Kommunisten.
Kann erahnen was ein Land bedeutet, für mich und die ander’n Leute.
Weil immer einer flennt in dieser Gegend,
weil die anderen nicht merken dass man kämpft in dieser Gegend“
(Babylon - Dk.dando)
Das singt das Leipziger Duo Dk.dando in der Single Babylon. In diesem und weiteren Liedern des neuen Albums „Tourist“ geht es um Ungerechtigkeiten, linke Politik und Zukunftsfragen. Das Album erzählt so Geschichten von Ostmännern - würde man aber wahrscheinlich nie so sagen.
Denn die Geschichte vom Ostmann geht nunmal so: Der Ostmann wurde enttäuscht. Im Zuge der Wende oder später wegen der Globalisierung hat er seinen Job verloren oder keine Karriere gemacht und lebt nun an einem Ort ohne IC Verbindung und mit langsamen Internet. Die Politik versteht er nicht mehr, sein Leben steckt im Passiv fest. Er interessiert sich voranging für Artefakte der Vergangenheit, Trabanten zum Beispiel und verbringt viel Zeit in fragwürdigen Chat-Foren. Diese Geschichte erzählt sich so aussichtslos, dass die Wahlentscheidung für die AfD quasi alternativlos wird.

Das ist kein Zufall
“Der ostdeutsche Mann sei frustriert, abgehängt und wütend, Verlierer der Wende und des heteronormativen Geschlechterverhältnisses,“ so beschreibt es die Soziologin Sylka Scholz die mediale Darstellung des Ostmannes in ihrem Beitrag „Oh, Ostmann - Mediale Zuschreibungen, empirische Befunde und diskursive Leerstellen“ (2022).
Sie argumentiert, dass dieses Narrativ von einer westdeutschen Medienlandschaft erschaffen wird, die seit den 90ern den ostdeutschen Mann als Gegenteil des westdeutschen Alleinernährers und Familienvaters zeichnet. Dabei wird die Komplexität ostdeutscher Geschlechterverhältnisse ignoriert, ebenso wie die wichtige Rolle, die Vaterschaft oder nicht-materiellen Wertvorstellungen für viele ostdeutsche Männer spielen.
Scholz weist auch darauf hin, dass selbst ostdeutsche Wissenschaftler wie Steffen Mau oder Autoren wie Hendrik Bolz in ihren Darstellungen das Abgehängt-Sein und (rechte) Gewalt als ostdeutsch erzählen, ihre eigenen Aufstiegsgeschichten und Männlichkeitskonzeptionen aber nicht als ostdeutsch markieren. Die (Selbst-)Darstellung ostdeutscher Männer folgt so häufig einem klassistischen und paternalistischen Narrativ - so ist er eben der Ossi. Aber auch diese Formulierung beschreibt eine männliche Norm. Immer dann, wenn abwertend von Menschen aus dem Osten gesprochen wird, sind vor allem Männer gemeint.
Deine Zukunft ist deine Herkunft?
Es gibt Redebedarf, denn Männlichkeit ist nicht nur in Ostdeutschland in der Krise. Nicht nur im Osten Deutschlands stellt sich dabei die Frage, wie eine progressive Männlichkeit denn aussehen könnte. Kein Wunder also, dass es aktuell viele spannende künstlerische Auseinandersetzung mit Männlichkeit insbesondere von einer jüngeren Generation aus dem Osten gibt. Zum Beispiel das bereits erwähnte Album „Tourist“ von Dk.dando, das sind Ritter Dando (Text & Stimme) und D.K.denz (Produktion & Beats). Seit 2017 veröffentlichen diese schon fast jedes Jahr eine neue EP oder ein Album. Darin wird von einer Männlichkeit erzählt, die einen zweifelnden Blick auf Machtstrukturen und Mitmenschen richtet, aber gleichzeitig vor einfachen Lösungen warnt. Referenzen finden sich dafür in ostdeutschen Erfahrungswelten, es geht um das Liegen auf Garagendächern, Treffen am Kopfbahnhof und Wandern in der Böhmischen Schweiz.
Von Kraftklub und Jassin habe ich ja bereits geschrieben, doch auch die Hinterlandgang, Yung Pepp oder Big Buddha zeigen musikalisch, welche Geschichten von und über ostdeutsche Männlichkeit oft unerzählt bleiben. Ihnen geht es um viel mehr, als nur einen Schuldigen für ihre Probleme zu finden oder schnellen materiellen Erfolg.
Sylka Scholz schreibt, dass es noch einiges zu verstehen gibt über die Komplexität der ostdeutschen Geschlechterverhältnissen. Denn natürlich gibt es sie auch, die rechten Männer und die jungen gewaltbereiten Nazis. Aber es lohnt sich zu fragen, wann die ostdeutsche Herkunft betont wird und wann diese keine Rolle spielt. So kann ein Verständnis dafür wachsen, in welchem Zusammenhang Geschlechterverhältnisse und regionale Identitäten wirklich stehen.
Und die Frauen?
Die nächsten drei Jahre forsche ich an der Universität Halle zu Geschlechterverhältnissen in Sachsen-Anhalt, besonders in Regionen im sogenannten Strukturwandel. Denn Medien, Forschung und Politik verhandeln das Thema Geschlecht auch hier oft nur implizit. Falls ihr also spannende Literatur oder Menschen kennt, die sich ebenfalls mit dem Thema Geschlecht und Ostdeutschland beschäftigen, schreibt mir gerne.
Auch hier im Newsletter werde ich immer wieder Einblick in meiner Forschung geben und über kreative Auseinandersetzungen aus und in Ostdeutschland berichten.
Bis bald,
Frida
Unmarkiert bleibt auch, dass DER ostdeutsche Mann als weiß konstruiert wird. Dennis Chiponda sucht in dem taz Podcast Mauerecho nach komplexen Perspektiven, um Ost und West besser zu verstehen. In seinem spannenden Text “Ich, ein Patriot?” denkt er über Heimat aus linker Position nach.
Ein Unbehagen motivierte den Journalisten Tom Schimmeck, sich die „maskuline Lage“ einmal genauer anzuschauen. Er befragte in Magdeburg Männer in ganz unterschiedlichen Generationen. In seinem Feature „Männer in Magdeburg“, stellt er dabei nicht nur grundsätzlich die Frage, was eigentlich männlich ist, sondern auch, welche politischen Konsequenzen das hat. Er besucht Jugendclubs, einen Verein für Täterarbeit, die Schulsozialarbeit und Magic-Kartenspielabende. Der Autor gibt an Magdeburg ausgewählt zu haben, da er zu dieser Stadt bisher noch keinen Bezug hatte und er möglichst unvoreingenommen an seine Recherche starten wollte. Doch auch dieser spezifische Kontext ist interessant. Es sind Stichproben zur ostdeutschen Männlichkeit, in der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt – eine Position, die sonst oft nur in politischen Kommentaren zur AfD vorkommt.




